Ben Nevis und benachbarte Munros

In den Bergen von Schottland

Blick vom Ben Nevis auf die Marmores
Blick vom Ben Nevis auf die Marmores

Ben Nevis, der höchste Berg Schottlands (und ganz Großbrittanniens, ich schreibe dies eine Woche vor dem Unabhängigkeitsreferendum) zieht viele Wanderer an. Es lohnt sich, auch die benachbarten Berge zu erkunden, wo es eine ganze Reihe weiterer Munros gibt und weniger los ist. Als Munros werden in Schottland die Berge über 3000 ft genannt und das „Munro-Bagging“, das Sammeln von Munros, ist eine Art Volkssport.

Für Wanderer gibt es zwei Möglichkeit, den Ben Nevis zu besteigen: über die breite Touristenroute oder, was landschaftlich und bergsteigerisch wesentlich schöner ist, über die „CMD-Route“, die Überschreitung über den Nachbar-Munro Càrn Mòr Dearg und weiter über den Grat namens Càrn Mòr Dearg Arête, die Touristenroute dient dann als Abstieg.

Vom Campingplatz im Tal Glen Nevis geht es auf der Touristenroute bis zu einem Sattel mit einem kleinen See, wo die Hauptroute als Spitzkehre abzweigt. Ich gehe geradeaus weiter und folge dem Pfad, der bald in das Kar unter der Nordwand des Ben Nevis einbiegt und zu einer Hütte führt. Von dort steige ich weglos über Gras und Schotter den Hang gegenüber der Felswand auf. Die Blicke werden immer besser, einmal hebt sich die Wolkendecke sogar so weit, dass der Gipfel zu sehen ist. Eine gute Gelegenheit, auch einen Blick auf die Geologie zu werfen.

Der Ben Nevis ist Teil einer Caldera, die im Silur entstand. Eine Caldera ist eine große kraterförmige Struktur, die entsteht, wenn die Magmakammer eines Vulkans sich so weit entleert, dass es zu einem Einbrechen ihres „Dachs“ kommt. Spektakuläre Beispiele sind Santorin (Griechenland), Crater Lake (USA), Quilotoa (Ecuador) und die Tengger-Caldera (Indonesien). Im Gegensatz zu diesen Beispielen ist von der Caldera selbst am Ben Nevis nichts zu sehen, stattdessen haben wir einen Schnitt durch einen tieferen Bereich vor uns. Die Nordwand des Ben Nevis ist ein Block des „Daches“ der Magmakammer, der um etwa 600 m in die Magmakammer abgesunken ist. Er besteht überwiegend aus grauen Vulkaniten: vulkanische Brekzien und Ignimbrite, die durch Glutwolken abgelagert worden waren im unteren Teil, Andesit-Lavaströme im oberen Teil. An einer Stelle sind auch die Sedimentgesteine aufgeschlossen, die Basis unterhalb der Vulkanite. Unter diesem abgesunkenen Block und um diesen herum sind die Gesteine der ehemaligen Magmakammer zu sehen, die als innerer und äußerer Granit bezeichnet werden. Zum inneren Granit, der rötlich ist, gehört auch der Hang, den ich gerade aufsteige, wegen seiner feinen Grundmasse hätte ich das Gestein eher als Porphyr bezeichnet. Leider ist der Kontakt der Gesteine nicht gut aus der Ferne zu sehen, da alles mit Flechten bewachsen ist. Übrigens gibt es nicht weit von hier eine zweite Caldera, in der ein etwas höheres Niveau aufgeschlossen ist, nämlich Glencoe. Dort wurde sogar Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals detailliert beschrieben, wie eine Caldera entsteht. Leider komme ich wegen des schlechten Wetters nicht mehr dazu, diese anzusehen …

Càrn Mòr Dearg
Càrn Mòr Dearg

Nahe des Gipfels Càrn Dearg Meadhonach erreiche ich den Bergrücken. Nun geht es auf einem Pfad weiter zum Càrn Mòr Dearg und über den anschließenden Grat, in einem Bogen um das Kar herum. Ich lasse mir sehr viel Zeit, da es laut Wetterbericht am Abend aufklaren sollte. Das passiert dann tatsächlich, während ich über Blöcke zum Gipfel des Ben Nevis aufsteige. Der Blick insbesondere auf die Marmores im Süden ist großartig. Ich mache mich so spät an den Abstieg, dass ich erst in der Dämmerung am Zelt ankomme.

Gefalteter Quarzit am Na Gruagaichean (Marmores)
Gefalteter Quarzit am Na Gruagaichean (Marmores)

Ich schließe eine dreitägige Wanderung über die Nachbarberge rund um das Hochtal Glen Nevis an, über die Marmores im Süden und die Grey Corries im Norden (Karte siehe obiger Link). Leider nicht gerade bei gutem Wetter. Vom Parkplatz an den Lower Falls folge ich das Tal nach SSO hinauf zu einem kleinen See und weiter in den Sattel. Nach einem Abstecher zum Gipfel Sgùrr a’ Mhàim wandere ich von Gipfel zu Gipfel der Marmores: Sgùrr an Iubhair, Am Bodach, Stob Coire a’ Chàirn, Binnein Mòr. Leider stecke ich meist in den dichten Wolken und muss einmal sogar den Kompass herausholen, nur in den kurzen Momenten mit Sicht kann ich ahnen, was ich verpasse.

Grey Corries
Grey Corries

Ich passiere einen See und quere den Hang unterhalb des Sgùrr Eilde Mòr. Nun schlängel ich mich durch Moore in das Tal, wo ich den Fluss nahe des Häuschens Luibeilt quere. Das Wetter ist inzwischen ganz gut und ich erreiche den Gipfel Stob Bàn. Gipfel für Gipfel geht es nun über den Rücken der Grey Corries: Stob Choire Claurigh, Stob a’ Choire Lèith, Stob Coire Cath na Sìne, Stob Coire an Laoigh und Sgùrr Choinnich Mòr. Nun geht es wieder hinab ins Tal Glen Nevis. Bei strömendem Regen passiere ich den oberen Wasserfall und die kurze Schlucht und erreiche die Straße.

Grey Corries im Abendlicht
Grey Corries im Abendlicht: Blick vom Stob Coire an Laoigh Richtung Stob Choire Claurigh

Was Geologie angeht, wandert man über die ehemaligen Sedimente des „Ur-Atlantiks“ Iapetus. Schottland war damals Teil des Kontinents Laurentia (Nordamerika, Grönland). An dessen Rand wurden vor 750 bis 500 Millionen Jahre vor allem Tonsteine und Sandsteine, vereinzelt auch Kalkstein abgelagert. Die Kontinente auf der anderen Seite des Ozeanes, Avalonia (England, Wales) und Baltica (Skandinavien, Baltikum), näherten sich und kollidierten schließlich. Vor 430 Millionen Jahren (Silur) war der Iapetus-Ozean verschwunden und die Kollision hatte das gewaltige Caledonische Gebirge aufgeschoben. Die ehemaligen Sedimente wurden dabei in Metamorphe Gesteine umgewandelt und verfaltet: Tonsteine zu Schiefer, Sandsteine zu Quarzit und Kalkstein zu Marmor. Der harte Quarzit fällt wegen seiner weißen Farbe auf, einige der Gipfel der Marmores und der Grey Corries bestehen daraus.

Lesenswert:

Stephenson, D., Goodenough, K., 2007. Ben Nevis and Glencoe. A Landscape Fashioned by Geology. Scottish Natural Heritage. PDF


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