Aleppo

Eine wundervolle Altstadt im Norden von Syrien

Aleppo
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Der Basar hat heute eine ganz besondere Atmosphäre, es ist nämlich Stromausfall. In manchen Ecken rattern Generatoren, aber viele Läden haben nur Kerzen oder Taschenlampen, um ihr Warenangebot zu beleuchten. Die finsteren Gewölbe sind trotzdem gepackt voll mit Menschen, schwer beladene Karren werden durch die Massen manövriert, schwarz verschleierte Frauen bewegen sich wie Schatten an mir vorbei. In der Luft hängt der Duft von Gewürzen und Parfum, es türmen sich Nüsse und Trockenobst, edle Stoffe werden vor den Kunden ausgebreitet. Im Schuhbasar schaue ich einmal genauer auf die aufgestapelten Kartons und stelle fest, dass man hier durchaus die Tradition der Seidenstraße hochhält: „Made in China“ steht auf fast allen…

Aleppo
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Ich beobachte, wie eine schwarz verschleierte Frau einer Schaufensterpuppe unter das goldglänzende Mini-Kleid schaut, neben an werden Spazierstöcke hergestellt, noch etwas weiter hängen Hammelhälften an Harken an den Flügeln einer schweren Metalltür. Plötzlich fragt mich ein Choleriker, wo ich herkomme, er ist fest davon überzeugt, ich sei Israeli und er sieht so aus, als würde er gleich einen Dolch zwischen meine Rippen stoßen. Skurriler Weise hatte ich nur kurz vorher einen Adolf-Fan getroffen, der sich einen Ast freut über jeden Deutschen, den er trifft. Jedenfalls entgehe ich dem Schicksal der Hammel und gehe weiter zur Umayyaden-Moschee. Durch diese schlendere ich mit einem Araber mit langem Bart, in dessen Gesicht jede Falte zu lachen scheint. Wir unterhalten uns prächtig, ohne ein Wort zu verstehen. Wenn ich seine Gesten richtig deute ist er Holzschnitzer aus Qatar, begeistert, hier zu sein, begeistert, mich zu treffen. Ein anderer ist fest davon überzeugt, dass es der Wirtschaft in Europa nur deshalb nicht gut geht, weil wir keine Araber-freundliche Politik machen… Den Präsidenten al-Assad findet er gut, dieser wolle Frieden, selbst mit Israel, und es sei doch gut, Frieden mit den Nachbarn zu haben. Dem kann ich nur zustimmen, auch wenn ich nicht glaube, es sei allein die Schuld von Amerika, dass es nicht längst so weit ist. Und auch wenn al-Assad sein Amt, wie in dieser Gegend üblich, von seinem Vater geerbt hat, der sich in den 60ern gegen seine eigene Partei an die Macht geputscht hatte. Dass der Vater sich mit der Sowjetunion verbündete sieht man noch immer an den vielen alten Schildern, auf denen auf russisch „Fabrikverkauf“ oder ähnliches steht. Damit stand die syrische Baath-Partei im Gegensatz zur irakischen. Der Polizeistaat wurde unter anderem bekannt, als ein Aufstand der islamistisch-faschistoiden Muslimbrüder in einem riesigen Massaker endete. Wie fest der Sohn im Sattel sitzt weiß niemand so genau, jedenfalls steht auf einem Schild an der Grenze „Willkommen im Syrien von al-Assad“, als sei es ein Königreich.

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In der weiteren Umgebung von Aleppo liegen die Ruinen mehrerer römischer bzw. byzantinischer Städte, mal auf einem kargen, verkarsteten Plateau, mal versteckt in einem Olivenhain. Besonders beeindruckend sind die Reste der einst riesigen Basilika St. Simeon. Der exzentrische Heilige saß hier einst sein Leben lang auf einer hohen Säule. Wegen so einem Blödsinn wurde man damals noch bewundert!


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Florian Neukirchen
Nahöstlicher Diwan
Unterwegs zwischen Teheran und Tel Aviv
ISBN 978-3-89514-925-2